Roger Wellauer



Interview mit Dirigent Roger Wellauer

 
Deine Erarbeitung an „El Jardin de las Hespérides“ beeindruckt durch sehr klare innere Bilder, du weisst genau, welche musikalische Stelle welche Szene oder Stimmung der Geschichte abbildet. Woher kommt dieses ausgeprägte Vorstellungsvermögen?
Schön, dass das so herüberkommt. Das Werk ist ja sehr programmatisch aufgebaut. Zudem gibt es eine Werkbeschreibung des Komponisten, in welcher er seine Idee hinter dem Werk beschreibt. Der Rest ist Internet über griechische Mythologie und viel Fantasie. Der Komponist hat eine sehr harmonische und zuweilen fast schon romantische Tonsprache gewählt, welche es einfach macht, aus dieser «Symphonie der Gefühle», wie ich sie nenne, eine Geschichte zu malen und der Musik Bilder zuzuordnen. 
Grundsätzlich sind mir Authentizität wichtig, egal ob bei klassischen Werken oder bei Unterhaltungsmusik. Mir ist es sehr wichtig, den Komponisten und das Werk zu verstehen. Dann versuche ich, meine innere Haltung dazu zu finden sowie die Musik in mir zu hören und vorauszuspüren. Sobald es innerlich klingt, spürt man auch, welche Emotionen die verschiedenen Stellen wecken und welche Sinne sie berühren. Nur so kann ich die Musik letztlich in meinem Dirigat auch wirklich darstellen.


Was braucht ein Konzert heute, um das Publikum wirklich zu berühren und im Gedächtnis zu bleiben?
Ganz vieles und doch wenig. Zum einen ist es das Gesamtbild, das zählt, bspw. wie wird das Publikum empfangen, Ambiente des Saals, Präsentation des Orchesters, Moderation, Konzertprogramm, grundsätzliche Qualität der Aufführung bis hin zur Verabschiedung und des Publikums. Der Zuhörer ist Gast und soll sich wohl fühlen und der Gastgebersoll nichts dem Zufall überlassen.
Doch das allein reicht nicht für einen bleibenden Eindruck. Es ist diese maximale Hingabe jedes Einzelnen, egal ob Musiker, Moderatorin oder Organisator, die es ausmacht. Diese ultimative Motivation, alles zu geben; der Wille, mit allem anderen zusammen ein unvergessliches Erlebnis schaffen zu wollen; sich zugunsten des Gesamten zurücknehmen zu können; den Mut aufbringen, musikalisch über sich hinauszuwachsen… ich glaube, das nennt man Leidenschaft. Bereit sein, für sich, für das Orchester und für das Publikum die Extrameile zu gehen. Das ist eine Frage der persönlichen Einstellung jedes einzelnen und der Motivation zum Konzert. Durchschnitt resp. Mittelmass haben noch selten begeistert.
Am Schluss zählt das spürbare Engagement des Orchesters sowie dessen ultimative Ausstrahlung; und beides beginnt beim Dirigenten.


Seit Sommer 2025 leitest du die Stadtmusik. Was war bisher eine der grössten Herausforderungen für dich in dieser Rolle?
Eine Herausforderung war sicherlich, das Orchester und seine Leistungs- und Entwicklungsfähigkeiten richtig einschätzen zu können. Kommt das noch? Wie und v.a. in welchem Tempo wird sich das nun entwickeln? Das waren schon Fragen die mich beschäftigten. Ich war bspw. überrascht, wie viel Basisarbeit ein solches Orchester in dieser Klasse doch noch benötigt.
Eine weitere wirklich grosse Herausforderung ist für mich der Probebesuch resp. die Besetzung. Idealerweise kann ich an einer Gesamtprobe mit dem gesamten Klangkörper arbeiten, einmal abgesehen von wenigen Ausnahmeabsenzen. Hier war ich nun damit konfrontiert, zahlreiche wichtige Instrumente, d.h. Stimmen und Farben lediglich für 3 Proben zur Verfügung zu haben. In dieser Zeit ein hochwertiges Zusammenspiel plus Intonation, Klangausgleich und eine gleiche Stilistik zu erarbeiten ist wahrlich herausfordernd. Und ich sage es ungern, doch ich hatte in keiner einzigen Probe das gesamte Orchester zur Verfügung, also wirklich alle. Erst am Konzert waren erstmals alle da. Da ist man als Dirigent nicht gleich entspannt. Doch ich möchte das nicht werten; es war einfach eine neue Realität für mich.


Welche positiven Überraschungen hast du in der Arbeit mit der Stadtmusik erlebt?
Ganz viele... wobei es eigentlich keine Überraschungen waren. Ich durfte ganz viel tolle Menschen kennenlernen. Und ich hoffe, es mögen mir einige verzeihen, wenn ich immer noch mit einzelnen Namen hadere. Positiv wahrgenommen habe ich einige hochtalentierte und motivierte Musikerinnen und Musiker und mit welcher Selbstverständlichkeit sie bspw. die anspruchsvollen Soloparts meistern.
Ah doch… wirklich überrascht haben mich die gesanglichen Fähigkeiten der Stadtmusikerinnen und -musiker. Wir singen ja ab und zu an der Probe. Und der gesummte Deep Harmony in der Tonhalle war aus meiner Sicht grosses Kino.


Dich begleitet schon lange ein grosser Ehrgeiz und ein spürbarer innerer Antrieb. Woher kommt dieser Drive und wie hat er sich entwickelt?
Es liegt wohl an meinem Naturell; das was ich tue, mache ich mit vollem Einsatz und Elan. Ich finde jedoch Ehrgeiz das falsche Wort; mir geht es nicht um Erfolg oder Ehre für mich. Vielmehr handle ich aus starker innerer Lust und Motivation, z.B. Werke von solcher Schönheit und Komplexität erarbeiten und in meinem Sinn und Geist aufführen zu dürfen. Ein Orchester mit diesen Klangfarben führen zu dürfen, ist zudem (fast) schöner als Fliegen ?. Momente innigster musikalischer Schönheit zu kreieren bedeutet Glückseligkeit in Reinkultur. Oder gefährliche Passagen wirklich bedrohlich wirken zu lassen, ist höchst spannend. Übrigens, genau solche Momente spürt auch das Publikum; dieses Erlebnis bleibt nachhaltig in Erinnerung, weil Musik nicht bloss hörbar, sondern auch spürbar wird.
Und das ist für mich unheimlich schön. Zugegeben, es ist eine egoistische Betrachtung, denn diese Leidenschaft kann ich nicht alleine ausleben; es braucht ein Orchester dazu. Zum Glück sehe ich, dass es noch viele andere mit dem gleichen Ziel gibt, und deshalb sind wir hier zusammen.


Du hast mehrere Meisterkurse besucht. Gibt es einen Kurs oder eine Persönlichkeit, die dich besonders geprägt hat?
Ja, sogar einige. Vorbilder spielen eine zentrale Rolle und das begann bei mir schon früh. Im Rahmen meiner Mitgliedschaft in der Nationalen Jugend Brass Band der Schweiz NJBB durfte ich Schweizerische Grössen wie Pascal Eicher, Ludwig Wicki, Markus S. Bach, Geo-Pierre Moren usw. persönlich kennen und schätzen lernen. Alle waren sie Dirigenten von Höchstklass-Orchestern und einige gingen danebst einer Arbeit nach. Das sehe ich heute viele Parallelen zu mir. Pascal bspw. war Lehrer am Konsi Fribourg, begnadeter Euphonist, Sekleher und spielte Eishockey bei Fribourg Cotteron… alles andere als Mittelmass. Weiter durfte ich eine Woche mit Grössen wie Bob oder Nicolas Childs arbeiten. Das beeindruckte mich sehr und prägte mich wohl auch.
Seit bald 30 Jahren spielt sicher Andreas Spörri die wichtigste Rolle in meiner musikalischen Arbeit und Entwicklung; mit ihm mit ich mittlerweile freundschaftlich verbunden. Als junger Dirigent der Liberty Brass Band fragte ich ihn, den grossen Maestro, ob er mich auch als nicht studierter Musiker eventuell beraten oder wie man heute so schön sagt coachen würde. Er sagte völlig spontan und selbstverständlich zu. Seither haben wir zahlreiche intensive Stunden in seinem Studierzimmer und am Dirigentenpult verbracht. Ich habe bei ihm so quasi mein privates Dirigierstudium genossen.
Diese stete Entwicklung führte mich u.a. 2005 zur Teilnahme am Dirigentenwettbewerbs «Prix Credit Suisse» in Grenchen. Ich war überhaupt nicht vorbereitet, in diesem Wettbewerb mit so vielen Cracks den Final zu erreichen. Die drei Finalisten hatten die Aufgabe, mit dem Symphonieorchester Camerata St. Petersburg in 40 Minuten eine Overture zu proben und diese am nächsten Tag im Rahmen des Galakonzerts in Grenchen im Beisein der 3-köpfigen Jury aufzuführen. Mir wurde Fidelio von L.v. Beethoven zugeteilt. Das war wirklich eine Herausforderung. Ich hatte eben erst meine neue Stelle bei meinem jetzigen Arbeitgeber angetreten und musste während dem Wettbewerb meinen Chef anrufen und spontan für eine Woche Ferien fragen. Er hatte vollstes Verständnis ?. NB: Erst da hat die Jury mitbekommen, dass ich gar nicht Berufsmusiker bin. Prof. Hamers bot mir als Chef-Juror dann einen Studienplatz bei ihm in Nürnberg an, was mich sehr ehrte.


Wie sollte ein Musikverein mit Rangierungen umgehen? sowohl mit grossem Erfolg als auch mit enttäuschten Erwartungen?
Das ist kein einfaches Thema, aber Du hast mir die relevanten Stichworte bereits gegeben, nämlich Erfolg und Erwartung. Erfolg setzt sich für mich eben aus Erwartung und Folge zusammen. Wenn ich erwarte, zu gewinnen und 2. werde, ist die Folge davon Enttäuschung und der Erfolg negativ.
Um die Frage weiter denken zu können, müssen wir jedoch die Fakten rund um Wettbewerbe betrachten. Wettbewerbsresultate folgen einer Spielregel. Wenn die Spielregel lautet: es gibt 10 Orchester und für jeden einen Rang, dann bedeutet das grundsätzlich, dass man einen Rang zwischen dem 1. und dem 10. belegen wird. Ebenso ein Fakt ist, dass das EMF alle 5 Jahre stattfindet.
Weiter ist Musik nicht messbar, das Wettbewerbsergebnis folgt einer Beurteilung von Menschen. Zwar gut ausgebildete Menschen doch auch diese sind während dem Jurieren mal müde, mal hungrig, mal enthusiastisch oder gestresst... Menschen eben. Und auch wir sind Menschen mit Wünschen, Hoffnungen und Zielen: Ich nehme grundsätzlich an einem Wettbewerb teil, um zu gewinnen.
Es gibt Orchester, die gewinnen Wettbewerbe und spielen dann Platzkonzerte auf 2. Klass-Niveau. Ich möchte das absolut wertefrei verstanden haben; dagegen gibt es nichts einzuwenden. Es kann sein, dass dies zur Vereinsstrategie gehört.
Ich werde mich über einen guten Rang freuen und über einen schlechten Rang enttäuscht sein. Das sind Emotionen und diese sind legitim. Doch sie gehen vorbei und das Orchester ist so gut wie es vorher war, mit den Stärken und Schwächen von vorher. Und das werde ich auch allen Stadtmusikern empfehlen.
Einfach als Beispiel: 1999 gewann ich mit der Liberty Brass Band in Montreux die Schweizermeisterschaft in der 1. Klasse mit einem Spezialpreis für die beste Interpretation des Teststücks sowie das Kantonale Musikfest in Mels mit Traumnoten in der Höchstklasse. Im Jahr danach wurde ich mit der Liberty 9. in Montreux. Und so ging es zahlreichen Dirigenten und Bands.
Deshalb ist für mich der Weg zum Wettbewerb viel wichtiger. Erfolg bedeutet für mich persönlich nicht Rang am EMF sondern eine nachhaltige Entwicklung des Orchesters der SMSG und ihrer Musiker während meiner Zeit als Dirigent. Wenn wir zurückblicken und feststellen können, dass ich etwas nachhaltig positiv beeinflusst oder gar verändert habe, wenn bspw. meine Leidenschaft, meine Arbeitsweise oder meine Qualitätsansprüche einige Stadtmusiker nachhaltig inspiriert hat und eine positive Entwicklung der Stadtmusik als Orchester feststellbar ist, dann ist meine Erwartung erfüllt und ich geniesse dies still und leise als persönlichen Erfolg… auch ohne Rangliste.


In den Proben betonst du oft, dass wir mit unserer Energie und Aufmerksamkeit bei den anderen, etwa bei Solistinnen und Solisten, sein sollen. Was genau hat es damit auf sich?
Das stammt aus meiner Erfahrung als Solist, Dirigent und als Mensch allgemein. Ich bin überzeugt, dass es für die Spieler des FCSG während dem Match einen markanten Unterschied macht, ob die Spieler auf der Ersatzbank mitfiebern und -leiden oder Zeitung lesen.
Das verhält sich bei einer musikalischen Aufführung genau gleich, obwohl das nichts mit Musik zu tun hat, sondern eine Frage des Teamspirit ist; es zeigt die Qualität des Teams, das Interesse jedes Teammitglieds am Gesamtergebnis sowie die Einsatzbereitschaft. Diese wird bewusst oder unbewusst vom Trainer und vom ganzen Team wahrgenommen.
Und da knüpfe ich an Frage 2 an. Das wird auch vom Publikum wahrgenommen und trägt dazu bei, ob ein Match/Konzert leidenschaftlich und emotional oder flach in Erinnerung bleibt. Dazu tragen nicht bloss die aktiven, sondern auch die passiven Protagonisten bei. Mit meinen Hinweisen möchte ich erreichen, dass sich alle ihrer Rolle als Teammitglied auf unserer Reise/Aufführung bewusst sind, und diese Rolle geht weit über das Spielen des Instrumentes hinaus.